Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

Nennen Sie mich übervorsichtig, …

… liebe Leserinnen und Leser …


… nennen Sie mich ruhig übervorsichtig. Obwohl ich noch gute zehn Arbeitsjahre habe, bevor ich in den Genuss meiner Rente komme, hat mich das Gerede der GroKo über die Grundrente doch verunsichert. Ich bin also hin in die Beratungsstelle der Rentenversicherung, um zu sehen, mit was ich in zehn Jahren rechnen kann. Da saß bereits ein älterer Herr im Gespräch mit einer Angestellten. ‚Älterer Herr‘ ist geschmeichelt. Er sah schon ziemlich alt aus. Und ziemlich ungepflegt. Lange Haare, filziger Bart. Und er roch ein wenig. Dort saß ich also und wurde, ohne Absicht, Zeuge einiger Gesprächsfetzen. „Sie wollen Grundrente beantragen? Haben Sie die 35 Erwerbsjahre voll?“ Der ältere Herr nickte. „2000“, murmelte er. „2000 Jahre gearbeitet?“ Die Angestellte zog eine Augenbraue hoch. Der ältere Herr nickte. Mir war schlagartig klar, wer hier vor mir saß. Ich habe schließlich ein paar Semesterchen Theologie studiert. Die Angestellte scheinbar nicht. „Waren Sie bei der Bundeswehr?“, fragte sie weiter. „Die Zeit könnte man noch hinzuaddieren.“ „Kriegsdienstverweigerer“, sagte der Alte. „Wenn mir jemand auf die linke Wange …“ „Keine Details“, unterbrach sie ihn. „Wo haben Sie denn gearbeitet? Bau?“ „Ging nicht. Hab‘s im Kreuz“, sagte der Alte. „Haben Sie irgendwo eingezahlt?“ Der Alte schüttelte den Kopf. Die Angestellte war überfordert und holte ihren Kollegen hinzu. Der schien zumindest rudimentäre Theologie-Kenntnisse zu haben. „Krankenversicherung brauchen wir für ihn nicht“, flüsterte er. „Der heilt Lahme und Kranke. Soll er mal auch für sich selber machen.“ „Aber, wenn er so lange gearbeitet hat, muss er doch Vermögen angehäuft haben“, wandte die Angestellte ein. „Die CDU will das geprüft haben.“ Auf‘s Stichwort ‚Vermögen‘ öffnete sich die Tür und ein weiterer Herr betrat die Beratungsstelle. „Herr Kerkhoff!“ rief die Angestellte. „Alles geregelt mit Thyssenkrupp. Sie bekommen die 350 Tausend im Jahr.“ Herrn Kerkhoff schwoll die Zornesader. „Damit wäre ich nach Friedrich Merz ja beim Proletariat! Und das nach sieben Jahren Vorstand!“ „Es gibt ja noch“, beschwichtigte die Angestellte, „die Abfindung von sechseinhalb Millionen. Aber Sie …“, damit richtete sie sich erneut an den ersten Alten, „Sie bekommen keine Grundrente. Herr Kerkhoff hat schließlich sieben Jahre lang seinen Konzern heruntergewirtschaftet. Da hat er sich Rente und Abfindung verdient. Aber bei Ihnen … trotz der 2000 Jahre …“ „Vergiss es“, sagte ich dem Alten. „Es ist sinnlos.“ Frustriert verließen wir die Beratungsstelle. Ich lud Jesus noch auf ein paar Glühwein auf den Weihnachtsmarkt ein. Wenn ich Rentner bin, werde ich mir das wohl nicht mehr leisten können.
Eine gesegnete Weihnachtszeit wünscht


Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 12/19)