Über allen Gipfeln ist Ruh‘, liebe Leserinnen und Leser …

… über allen Gipfeln ist Osterruh‘! Wer hätte gedacht, dass man knapp 250 Jahre nach der Entstehung dieser berühmten Verse unseres Dichterfürsten Goethe diese noch einmal steigern könnte: Ruhe – mehr Ruhe – Osterruhe! Inhaltlich ist das natürlich fragwürdig – ähnlich wie die Angelegenheit mit dem Osterhasen. Außer den kleinen Kindern glaubt niemand wirklich daran. Aber sprachlich war das einfach brillant. Vermutlich werden wir dem Wort am Endes des Jahres noch einmal begegnen, wenn eine Jury von Sprachexperten das Wort des Jahres wählt. Oder das Unwort!
Aber ach … welch lautstarkes Getöse hat diese „Osterruhe“ ausgelöst! Die größten Schreihälse im Bundestag brüllten sogleich nach der Vertrauensfrage, die die Kanzlerin nun stellen müsse. Aber was machte Merkel? Sie stellte weder die Vertrauens-, noch sonst eine Frage – sie stellte sich vor die Kameras, übernahm Verantwortung … entschuldigte sich … bat um Verzeihung! Und das ist – wie schon die Idee von der Osterruhe – einzigartig in der politischen Landschaft. Willy Brandts Kniefall in Warschau zählen wir mal nicht, da der damalige Bundeskanzler ja nicht für seine persönliche Schuld auf die Knie gegangen ist, sondern wegen der kollektiven Schuld der Deutschen an den Toten des Warschauer Ghettos. Aber Merkel betonte ausdrücklich, es sei ihre persönliche Schuld gewesen. Wie viele Politiker kennen wir, die tatsächlich Schäden in mehrstelliger Millionenhöhe angerichtet haben, die immer noch frech im Bundestag sitzen und behaupten, alles richtig gemacht zu haben! Da hat die Reaktion Merkels schon Größe. Auch wenn Kritiker diese Entschuldigung kritisieren!
Wenn ich in aller Osterruhe einmal darüber nachdenke, fällt mir sofort eine Äußerung desjenigen ein, dessen Tod wir am Karfreitag eingedenk werden: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, hörten die Menschen von Jesus, als sie im Begriffe waren, eine Ehebrecherin zu steinigen. Ich habe in den vergangenen 16 Jahren niemals Merkel gewählt, aber allein um sie im Geiste zu unterstützen, werde ich den Gründonnerstag zum Osterruhetag machen, werde nicht einkaufen gehen, sondern in den Keller steigen, in irgendeiner Bücherkiste nach der Bibel suchen und einmal nachlesen, wie die Reaktion der Menschen auf das Wort Jesu‘ war. Und danach greife ich zum „Goethe“ – als Deutschlehrer muss ich dafür nicht einmal in den Keller hinab – und wünsche mir, dass alle Kritiker und Schreihälse das Ende des oben zitierten Gedichts lesen und verstehen mögen: „Warte nur, balde ruhest du auch!“
Von Goethe zumindest heißt es, dass er in seinem letzten Lebensjahr dieses Gedicht, das er als 30-Jähriger schrieb, erst richtig verstanden habe.
Eine besinnliche Osterruhe wünscht
Ihr Uwe Depping

(Glosse 4/21)