Man kann ja, …

… liebe Leserinnen und Leser …

… man kann ja über unsere momentane Regierung denken, wie man möchte. Aber nach dem Jahrzehnte dauernden Dämmerschlaf spüre ich endlich ein zartes Erwachen in Berlin. Frühlings-Erwachen! Endlich packt man die überfälligen Dinge aus den letzten Legislaturperioden zielstrebig an. Und was mir dabei besonders gut gefällt: die Freiwilligkeit, auf die jetzt viele setzen. Der Zwang ist der Tod der Demokratie. Diese politische Binsenweisheit kennt unsere Landwirtschaftsministerin genau, wenn sie ihr neues Tierwohl-Label vorstellt. Viele Mastschweine haben bereits Beifall gespendet, weil sie sich tierisch freuen über den Quadratzentimeter mehr Auslauf im Stall. Wenn der Bauer mitmacht. Ist ja freiwillig. Auch die kleinen Eber haben der Ministerin angesichts solch paradiesischer Zustände zugesichert, ab sofort die noch nicht vorhandenen Zähnchen zusammenzubeißen, wenn der Kastrator kommt. Denn eines liegt auf der Hand: Wenn solch hehre Ziele angestrebt werden, müssen alle zusammenhalten. Mensch und Tier. Ministerin und Bauernverbände. Wechseln wir das Ministerium: Bewundernswert, wie rigoros der Verkehrsminister durchgreift! Endlich gibt es das Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Freiwillig natürlich! Soll doch auf der rechten Spur vor sich hin kriechen, wer will. Dann ist links wieder Platz für den flotten Andy und seine Follower. Partypeople, Party!!! Ach so … beim Tempolimit geht es auch um Schadstoff-Reduzierung??? Ja … ähhh … Und schon geben wir den Ball wieder zurück ins Landwirtschaftsministerium. Reduzierung … das kann Frau Klöckner auch. Nicht nur Tierwohl! Ein Blick in die Abfalltonnen der Republik zeigt: Lebensmittel, so weit das Auge reicht. Und schneller als der Verkehrsminister erlaubt, sind sie erreicht, die 55 kg Abfall pro Jahr und Nase. Klarer Fall: Hier ist Reduzierung das Gebot der Stunde. Bis zum Jahre 2030 will die Ministerin das Wegschmeißen um 50% reduziert haben. Und wir machen alle mit. Freiwillig. Denn ich lasse mir doch nicht vorschreiben, ob ich etwas wegwerfe oder doch lieber esse und eine Magenverstimmung riskiere. Bleibt zu hoffen, dass auch andere Ministerien das Prinzip der Freiwilligkeit übernehmen. Die Bildungsministerin könnte endlich alle lernresistenten Dumpfbacken von der Schulpflicht befreien. Eine win-win-Situation für alle beteiligten Schüler und Lehrer. Und der Finanzminister müsste mich endlich der leidigen Steuerpflicht entheben. Angesichts der stetig wachsenden Zahl von Milliardären und Millionären, die bestimmt gern und freiwillig ihren Beitrag zur Finanzierung der Republik leisten, dürfte das doch kein Problem sein.

Wie Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, sehe ich einem schönen Frühling entgegen. Den wünsche ich Ihnen ebenfalls
Ihr Uwe Depping

 

(Glosse 3/19)