Jahresrückblicke, …

… liebe Leserinnen und Leser …


… Jahresrückblicke, soweit Aug‘ und Ohr reichen! Und das ist gut so … wenn man bereit ist, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Da ich daran meine Zweifel habe, zitiere ich lieber aus Goethes Faust: „Die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.“ Denn wenn ich in die Vergangenheit zurückblicke … z. B. ins Jahre 1886, in welchem Carl Benz ein erstes motorbetriebenes Automobil erfand … und heute wissen wir, dass der Verbrennungsmotor ein Klimakiller ist, aber die Erben vom alten Carl verscherbeln munter ihre Karren, begleitet vom Beifall des Verkehrsministers … dann frag‘ ich mich: Was wurde da gelernt? Und was ist aus der guten alten Dampfmaschine von James Watt nicht alles geworden? Ich will nicht ein 18. Jahrhundert herbeisehnen, mit Handwerksbetrieben und Pferdekutschen. Aber ich bedaure das Abhandenkommen des Erfindergeists, der vor einigen 100 Jahren noch von dem Willen angetrieben war, etwas Großartiges für die Menschheit zu schaffen, und der heute nur noch dadurch motiviert ist, Unternehmen großartige Gewinne zu bescheren. Die Erfinder der innovativsten Technologien scheinen allerdings etwas besonnener zu sein. Immerhin weiß man, dass der exzessive Smartphone-Gebrauch dick, dumm und depressiv macht, begleitet von Aufmerksamkeits- und Sehstörungen. Viele Erfinder im Silicon Valley wissen das – und melden ihre Kinder an Waldorfschulen an, damit diese vor den Erfindungen ihrer Eltern geschützt werden. Aber zurück zum Faust! Er ist Pflicht-Thema im Zentral-Abitur. Doch „habe nun, ach …“, möchte ich verzweifelt rufen, „mit den Schülern Faust gelesen“ und „ach … niemand hat verstanden!“ Es ist eine Tatsache: Die meisten Schüler können die Klassiker nicht mehr lesen, geschweige denn, verstehen. Und sich dann noch schriftlich dazu äußern, so dass der Lehrer es lesen und verstehen kann – eine Überforderung! Die kleinen Hände sind nicht mehr dafür geschaffen, einen Kugelschreiber oder gar Füllfederhalter – die älteren Leser wissen noch, was das ist – zu führen. Umso flinker sind sie beim Wischen und Tippen auf der Tastatur. „Es ist der Geist, der sich den Körper bildet“ (Zitat vom anderen Weimarer Klassiker). Der jugendliche Geist will nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen, und der Körper unterwirft sich ihm. Lesen und Schreiben – das wird den Weg gehen, den dermaleinst Postkutsche und Dampfmaschine gegangen sind. Und kein Digitalpakt der Welt wird das aufhalten. Ich gehe mir die Tränen trocknen … und dann wieder in den Unterricht. Nächstes Jahr ist Lessing dran. Und wieder wird man nicht verstehen! Aber bis dahin hat bestimmt jeder Schüler einen Laptop!  


Einen guten Start ins Jahr wünscht
Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 1/19)