Da hab‘ ich mich doch neulich …

… liebe Leserinnen und Leser …

… da hab‘ ich mich doch neulich wieder bei der Lektüre der Tagespresse sehr erschrecken müssen! „Bundespolizei hat Nachwuchssorgen“ prangte dort in dicken Lettern auf Seite 3. Tja, wer hätte das ahnen können? Ist ja wie beim Fachkräftemangel. Aber ausgerechnet bei der Polizei! Einer Einrichtung, bei der vom ersten Tag des Berufseinstiegs an schon klar ist, wann das Pensionsalter erreicht sein wird … das konnte niemand vorhersehen! Au wei, durchfuhr es mich, wie sieht es nun mit meiner Sicherheit aus? Wer schützt meine Grenzen? Aber die gute Nachricht lieferte der Artikel gleich mit: Um diese Sorgen zu beheben, darf kein Bewerber mehr durchfallen. Die Messlatte für Bewerber wird ganz einfach tiefer gehängt. Sogleich witterte ich meine Chance, im schon fortgeschrittenen Alter noch einmal umzusatteln. Wird von Medizinern ja auch empfohlen: Flexibilität bis ins hohe Alter als Alzheimer-Prophylaxe. Ich holte sogleich meine Erbsenpistole aus Kindertagen aus dem Keller, machte gezielte Schussübungen im Garten. Das Stimmtraining ging mir leicht über die Lippen, denn ein stimmgewaltiges „Stehenbleiben! Sie sind verhaftet!“ unterscheidet sich ja nur unwesentlich von meinem in langen Berufsjahren eingeübten „Hinsetzen! Klassenarbeit!“ Aber dann fiel mein Blick noch einmal auf das Foto, das den Artikel begleitete: All meine künftigen Kolleginnen und Kollegen standen dort lächelnd … aber in Uniform. Und mir wurde klar: Das geht nicht. Uniform und ich … dafür ist weder mein Körper, noch mein Geist geschaffen. Wenn meine Zeit bei der Bundeswehr zu irgendetwas nütze war, dann dazu: Es passt einfach nicht. Und während ich enttäuscht meine Erbsenpistole wieder nach unten trug, wurde mir schlagartig die Parallele bewusst: Lehrermangel bundesweit! Auch das hätte doch niemals jemand gedacht! Und auch hier die Lösung: Messlatte für Bewerber senken! Semesterlanges Studium der Pädagogik, zwei Jahre lang Vorbereitungsdienst in der Schule … vergiss es! Jetzt sind Quereinsteiger gefragt. Lehrer … das macht man so aus dem Bauchgefühl! Und deswegen kann man, nein, muss man sogar lauthals fordern: Ab 2025 hat jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Ganztagsschule! Bravo, Frau Giffey! Niemand weiß, wie der normale Schulalltag durch Lehrkräfte abgedeckt werden soll … aber in fünf Jahren haben alle Kinder einen Anspruch auf noch mehr Beschulung. Es leben die Quereinsteiger! Vielleicht drehen wir ja einfach mal den Spieß um: Liebe Bundespolizisten, kriegt ihr den Satz „Hinsetzen, Klassenarbeit“ ohne Stottern über die Lippen? Und könnt ihr ihn notfalls sogar halbwegs fehlerfrei an die Tafel schreiben? Dann herzlich willkommen im Schuldienst! Auf fruchtbare Zusammenarbeit freut sich

Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 2/20)