Was macht man eigentlich, …

… liebe Leserinnen und Leser …

… was macht man, wenn man sich im wohlverdienten Ruhestand befindet, es zum Milliardär gebracht hat und vom lieben Gott mit einem großen Mitteilungsbedürfnis ausgestattet wurde? Richtig, man schreibt seine Autobiografie! Während andere Rentner rastlos durch Innenstädte und Parkanlagen streifen und Pfandflaschen aus Mülleimern ziehen, um solchermaßen ihre nächste Monatsmiete zahlen zu können, lehnt sich der milliardenschwere Ruheständler bequem in seinem stressless-Sessel zurück und denkt über sein Leben nach. Natürlich kann das der Flaschen sammelnde Rentner auch. Aber er weiß genau, dass seine Biografie die Welt einen Dreck interessiert. Und er tut gut daran, solche Gedanken nicht zu vertiefen, da er ansonsten Gefahr läuft, in Depressionen zu verfallen, für die er als Kassenpatient so schnell keinen Therapeuten findet. Also zirkeln seine Gedanken lieber die Runden im Stadtpark ab, in dem er sich als Jäger und Sammler betätigt. Der andere hingegen schaut aus seinem Sessel durch das
Panorama-Wohnzimmerfenster auf seine private Parkanlage, schaut ganz entspannt den Bäumen beim Wachsen zu, erinnert sich, als junger Mensch selbst einmal auf einen Baum geklettert zu sein … und schon steht Dirk Rossmann mit dem Titel „… dann bin ich auf den Baum geklettert!“ auf den Spiegel-Bestseller-Listen – noch nicht ganz oben (Michelle Obama ist einfach hübscher anzuschauen) – aber immerhin auf Platz 6. Ich warte jetzt mit Spannung darauf, dass weitere Schwerstreiche ihre literarischen Qualitäten entdecken, um uns armen Schluckern ihren Werdegang aufzudrängen. Gerade für uns Deutsche, die wir das Jahr 1989 noch in lebendiger Erinnerung haben, wäre doch „… dann, yeah, habe ich diese fucking Mauer gebaut!“ von Donald Trump lesenswert. Oder für die Fußball-Freunde – falls Franck Ribery fortfährt, blattgold-verzierte Steaks zu verzehren: „… dann hab‘ ich begonnen, Gold zu scheißen!“ Die Oxfam-Studie, die uns jedes Jahr pünktlich zum Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos aufzeigt, wie der Reichtum in der Welt verteilt ist, macht deutlich, dass es immer mehr Milliardäre gibt bzw. dass diese immer reicher werden, was bedeutet, dass wir demnächst mit mehr Biografien von Superreichen rechnen können. Vielleicht ist ja bald schon Brasiliens rechtsextremer Messias Bolsonaro, der in Davos die Eröffnungsrede gehalten hat, auf den Bestseller-Listen mit „… dann habe ich den Regenwald plattgemacht, inkl. Ureinwohnern!“ Also, liebe Milliardäre unter meinen Lesern, die ihr eher mit Dirk Rossmann sympathisiert: Klettert schnell noch auf einen Baum, bevor andere Verrückte alles abholzen.

Viel Erfolg dabei – und das Anseilen nicht vergessen
Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 2/19)