Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

Man weiß selten, …

… liebe Leserinnen und Leser …


… man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war. Keine Sorge … in meiner einmonatigen
WIDERHAKEN-Abstinenz bin ich nicht zum philosophischen Aphorismen-Dichter mutiert. Aber wie die meisten meiner Lehrerkollegen war ich in den letzten Wochen gezwungenermaßen oft online und im Internet unterwegs (Stichwort: homeschooling) und bin dort auf diesen Spruch der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan gestoßen. Und im Gegensatz zu den meisten Dingen, die ich im Netz erlese, ist er bei mir nachhaltig hängen geblieben. Wer hätte denn beim letzten WIDERHAKEN, also im März, jemals erahnen können, dass man sich im April glücklich schätzen würde, eine Rolle Klopapier zu besitzen? Oder dass man neidisch in den Einkaufswagen des Nachbarn schielen würde, weil dieser das letzte Päckchen Hefe, das letzte Pfund Weizenmehl ergattert hat? Erst wenn ihr die letzte Rolle Klopapier verbraucht habt, werdet ihr merken, dass man sich mit einem 50-Euro-Schein nur behelfsmäßig den Hintern abwischen kann! Solche uralten indigenen Weisheiten bewahrheiten sich in letzter Zeit immer öfter, nicht nur in der Corona-, sondern auch schon in der Klima-Krise. Neo-Liberalismus, Raubtier-Kapitalismus, Globalisierung – daran wird unser Planet zugrunde gehen! Das haben die Urvölker auf dem amerikanischen Kontinent schon vor knapp 200 Jahren so formuliert.
Aber auch jetzt, angesichts der Pandemie, werden die Stimmen lauter, die sich schon in der Fridays for Future-Bewegung Gehör zu verschaffen versuchten, Stimmen, die ein Innehalten, einen neuen Denkansatz einfordern. Ja, ja, möchte man ihnen zurufen, ihr habt ja recht, die Entschleunigung schafft Freiräume, über gesellschaftliche Fehlentwicklungen nachzudenken, der wirtschaftliche Lockdown ist Balsam für die geschundene Natur, für das Klima. Wenn die Krankheit überwunden sein wird, muss alles ganz neu, ganz anders werden.
Aber Hand aufs Herz, liebe Leserinnen und Leser: Wer von uns wird dann noch daran zurückdenken, wie beglückend es war, zwei drei Blatt Recycling-Papier für den täglichen Stuhlgang zur Verfügung gehabt zu haben, wenn es dann wieder das gute Vierlagige in unbegrenzter Länge gibt? Aus der gemachten Erfahrung zu Bescheidenheit oder gar Demut zu gelangen, wäre wünschenswert. Aber der Zeitgeist ist eben dem me-first-Gedanken geschuldet. Da werden Hilfszahlungen in Milliardenhöhe zur Verfügung gestellt … und das Erste, was in NRW geschieht, ist, dass irgendwelche Verbrecher versuchen, unberechtigt in den Genuss dieser Zahlungen zu kommen. „Die Erfahrung, wie viel in kürzester Zeit verloren gehen kann, wird manche und manchen menschlicher machen.“ Diese Hoffnung von Karl Lauterbach – ja, der SPD-Gesundheitsexperte mit der Fliege – klingt schön … aber auch irgendwie naiv. Oder???
Wenn ich heute mit meinem kleinen Sohn Wanderungen in unserer Umgebung unternehme, wird mir deutlich, was Glück war: Dass ich in meiner Kindheit in eben dieser Umgebung mit meinem Vater Wanderungen durch gesunde grüne Wälder unternehmen konnte! Wälder, die noch nicht zugemüllt waren, Wälder, in denen man noch nicht befürchten musste, von rücksichtslosen Mountainbikern umgenietet zu werden, Wälder, in denen man ungestört Kind sein konnte. Wenn ich jetzt unterwegs bin und die unermesslichen wüsten, vertrockneten und gerodeten Flächen sehe, bekomme ich Angst um die Zukunft meiner Kinder und Enkel!
Komm‘, lieber Mai, und mache … Aber ob der Mai allein das schafft, was der Mensch versaut???
Trotz allem wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen wunderschönen Wonnemonat

Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 5/20)