Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

Es war, liebe Leserinnen und Leser …

… es war, als hörte ich die Englein singen. Na ja, dachte ich zunächst, passt ja irgendwie zur Jahreszeit. Doch dann spitzte ich die Ohren. „I believe in angels“, trällerte es sanft an mein Trommelfell. Das kenn‘ ich doch, durchfuhr es mich. Aus alten, längst vergangenen Tagen! Ist es Wahrheit? Ist es Traum? Und dann drehten die Engel voll auf! „I have a dream“, erscholl es wie die Trompeten von Jericho. Und plötzlich wusste ich: Nein, keine Engel! Das ist ABBA. ABBA – das neue Album nach 40 Jahren … und es klingt haargenau so wie die Alben vor 40 Jahren. Unglaublich! Unglaublich … überflüssig! Es ist schon beeindruckend, was sich Leute so einfallen lassen, wenn sie die 70 überschritten haben. Schnell noch mal die größten Hits aus dem letzten Jahrhundert durch den Schlagerwolf drehen – und fertig ist „VOYAGE“ … das neue Album! Aber wohin geht diese Reise? Zumindest nicht mehr auf die Bühne. Das ist Agnetha, Anni-Frid, Benny und Björn schon klar, dass sie da nichts mehr verloren haben.
Nicht so Elton John, der alte Tausendsassa, der auch mal eben ein paar alte Songs durch den Weichspüler geschickt hat und damit nun wieder ganz groß rauskommen will – auch auf der Bühne. Abba und Elton John, das sind ja nun wirklich schwerstreiche Menschen – warum müssen die uns zur Weihnachtszeit mit so etwas belästigen? Mit künstlerischer Entwicklung hat das offensichtlich nicht viel zu tun. Könnte es mit Geld zu tun haben … also mit Geld, das man noch schnell, vor dem 80. Geburtstag, auf‘s ohnehin schon pralle Konto schaufeln möchte? Oder ist es der Wunsch nach … Unsterblichkeit? Aber einfach nur die alten Platten auflegen lassen – das reicht im digitalen Zeitalter nicht mehr für die Unsterblichkeit.
Beethoven hat uns das im letzten Jahr, zu seinem 250., gezeigt, wie das zeitgemäß gemacht wird: Die nicht vollendete 10. Sinfonie wurde mal eben in den PC gegeben, und der hat das Ding dann vollendet. Und auf Mausklick gibt es die elfte, die zwölfte, die … xte. Das wird bei Abba auch funktionieren. In London werden demnächst Konzerte stattfinden mit Abba-Avataren, die so aussehen wie die vier vor vierzig Jahren. Und die spielen die Hits vom neuen Album. Jung, funky, sexy … wen interessiert‘s, ob die echt sind! So funktioniert das heutzutage mit der Unsterblichkeit!
Ich werde das auch bald ausprobieren und auf die Widerhaken-Texte der letzten zehn Jahre eine künstliche Intelligenz ansetzen. Und diese wird einen Widerhaken nach dem anderen produzieren – auch noch, wenn ich längst schon zwischen Agnetha und Anni-Frid auf einer Wolke sitze und „I believe in angels“ trällere. Meine Urenkel werden stolz auf mich sein. I have a dream!
Ihnen auch schöne Weihnachtsträume wünscht
Ihr Uwe Depping

 (Glosse 12/21)