Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

Endlich einmal, liebe Leserinnen und Leser …

… endlich einmal ein Text ohne dieses verdammte C-Thema! Versprechen kann ich‘s natürlich nicht – aber ich will es wenigstens versuchen! Denn seit einigen Tagen beschäftigt mich nicht mehr das C-Thema, sondern ausschließlich das K-Thema. Könnte ich K – also Kanzler, obwohl ich drei Kinder habe? Ich denke … ja! Ja, ich könnte! Zwei meiner Kinder sind ja schon erwachsen und der Kleine geht bereits in die Kita! Daran sollte es also nicht scheitern! Ein traumhafter Aufstieg … vom Widerhaken-Schreiber zum Bundeskanzler … the american dream … from Tellerwäscher to Millionär! Aber ich könnte es wirklich, denn ich bin intelligent (akademischer Abschluss), halbwegs medienwirksam und: Es gelingt mir mühelos – dank eines jahrelang praktizierten, ausgeklügelten Finger-Gymnastik-Trainings – mit meinen Daumen und Zeigefingern eine geometrisch präzise Raute zu formen. Wie mit dem Zirkel konstruiert! Ich könnte also, aber – und das unterscheidet mich von Annalena Baerbock – ich will nicht. Der Moloch Berlin als Haupt-Arbeitsplatz … da mache ich als gebürtiger Sauerländer einfach nicht mit! Aber es gibt einen weiteren Unterschied zwischen Annalena Baerbock und mir: Sie ist eine Frau – und ich bin ein Mann! Und dass sie wegen dieses Unterschieds hundertfach mit einer so dummen Frage belästigt wird, gewährt einen tiefen Blick auf den Stand unserer Emanzipation. Laschet, Söder, Scholz – alles Väter! Väter, die man mit einer so überflüssigen Frage niemals belästigen würde! Keine Gleichstellungsbeauftragte, keine Frauenquote konnte das verhindern. Die Rollenfestschreibung steckt einfach in den Genen, und das seit Jahrmillionen – seit der Steinzeitmann durchs Neandertal pirschte, um ein Mammut zu erlegen, welches er dann in die Höhle schleppte, in der die Steinzeitfrau am Feuer saß und Steinzeitbabys säugte. Das kriegt man einfach nicht raus, dieses Denken! Und wenn sich Alice Schwarzer tausend Mal reinkarniert! Deswegen hat mich diese Frage inhaltlich nicht wirklich gestört. Aber formal – und da bin ich typisch Deutschlehrer: Wie kann man nur die Grammatik meiner geliebten deutschen Sprache so dermaßen mit Füßen treten? Das Verb „können“ braucht immer ein zweites Verb, auf das es sich bezieht. Niemals ein Nomen! In der Schule frage ich meine Schüler ja auch nicht „Kannst du Schrift?“, sondern „Kannst du lesen und schreiben?“ Man hätte also fragen müssen: „Kann Annalena Baerbock die Anforderungen, die mit den Aufgaben einer Bundeskanzlerin einhergehen, erfüllen, obwohl sie zweifache Mutter ist?“ Aber nicht „Kann sie Kanzlerin“! Wenn das so weiter geht, kann ich bald kein Deutschlehrer mehr! Frührentner – ja, das könnte ich jetzt gut!
Und Sie, liebe Leserinnen und Leser?
Ihr Uwe Depping

 (Glosse 5+6/21)