Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

„Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten“, liebe Leserinnen und Leser …

… „Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß“. So beginnt sie, die berühmte „Ringparabel“ aus Lessings „Nathan der Weise“. Das habe ich vor ca. 40 Jahren im Deutschunterricht genießen dürfen – und dem Kultusministerium sei Dank dürfen das auch noch die heutigen Abiturienten. Zur Auffrischung: Ein Ring wird seit Generationen von Vater auf Lieblingssohn vererbt (erbberechtigte Lieblingstöchter gab es damals nicht), bis eines Tages ein Vater drei Lieblingssöhne hatte, so dass er nicht entscheiden konnte, wer den Ring bekommen sollte. Also flugs zum Goldschmied, zwei Duplikate herstellen lassen, die so echt aussahen, dass niemand mehr in der Lage war, die drei Ringe zu unterscheiden. Der Vater stirbt, die Söhne sehen sich plötzlich mit drei Ringen konfrontiert. Achtung, Parabel: Die Ringe stehen für die drei Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam. Was also tun, um den „richtigen Ring“ herauszufinden? Sich gegenseitig die Schädel spalten, um zu schauen, wer übrig bleibt? Das ist die gängige Praxis – zuletzt gesehen in Frankreich, wo ein „Bruder“ dem anderen den Schädel nicht etwa spaltet, sondern gleich ganz abschlägt, nur weil Letzterer mit seinen Schülern (der Getötete war ein Kollege von mir) über Meinungsfreiheit sprechen wollte. Gängige Praxis also – aber nicht ganz das, was Lessing mit seiner Parabel erreichen wollte. Denn der rechte Ring […] besitzt die Wunderkraft […], vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Aber jemand, der durch die Gegend rennt, um Andersdenkende zu massakrieren, ist nicht wirklich angenehm. Und das nicht nur in den Augen Lessings. Egal, ob er das in der Nähe von Paris oder in Halle an der Saale, im Westjordanland oder sonst wo tut. Was theologische Fragen angeht, halte ich es allerdings eher mit Karl Marx (Religion = Opium des Volkes), aber der Toleranzgedanke der Ringparabel ist bis heute einzigartig. Und leider immer noch so aktuell wie vor 241 Jahren, als Lessing sein Drama veröffentlichte! Der „rechte Ring“ wird immer noch mit Waffengewalt gesucht (siehe Syrien, Jemen, Bergkarabach u.v.m), aber auch in unserer angeblich zivilisierten Heimat ist das „Schädelspalten“ angesagt. Nur heißt das heute „shitstorm“ und wird im Internet ausgetragen. Und das klappt prima, weil ja alle shitstormer die Wahrheit kennen, während die Wahrheiten der anderen immer nur fake sind. Fake-News und Wahrheit – die moderne Version der Ringe! Und welcher davon macht jetzt angenehm?

Aber Achtung, liebe Leserinnen und Leser, während ich Sie mit dieser Frage ablenke, übernimmt Bill Gates mit Hilfe der Corona-Lüge die Weltherrschaft. Seien Sie also vorsichtig … gerade in diesen trüben November-Zeiten!

Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 11/20)