Jeden Monat verfasst Uwe Depping exklusiv für den HAKEN eine Glosse zu einem aktuellen Thema

oder einem, das ihm unter den Nägeln brennt.

Steckbrief

Name: Uwe Depping
Alter: im Besten
Familienstand: unverheiratet, zwei Töchter, ein Sohn
Beruf: Besserwisser (also Lehrer); nebenberufl. als WIDERHAKEN tätig
Wenn ich mal gerade nichts besser zu wissen habe: Sport, lesen, schreiben, fernsehen
Lieblingsessen: alles Mögliche aus dem Meer (nur kein Plastikmüll)
Lieblingsgetränk: Radler (aber ohne diese Limonade)

Viel Spaß beim Lesen des WIDERHAKEN der aktuellen Ausgabe!

Nun ist es soweit, …

… liebe Leserinnen und Leser …


… es ist soweit: Ich muss mich outen! Seit Jahren bin ich im Oktober fieberhaft auf der Suche nach einem spannenden November-Widerhaken-Thema … mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und heute muss ich durch die Tagespresse erfahren, dass es seit dem Jahre 2004 ein Thema gibt, das ich bislang schlichtweg übersehen habe: den Bundesweiten Vorlesetag am 15. November! Puuh … meine Güte … 15 Jahre alt, dieser Tag, und ich habe ihn stets ignoriert. Warum bloß? Verdrängung, meint mein Therapeut. Ich würde als Deutschlehrer die Hoffnung einfach nicht aufgeben wollen, dass meine Schüler eines Tages alleine lesen können. Zumindest die Schüler, die bei mir im Leistungskurs ihre Abiturprüfung bestehen wollen. Ich würde einfach nicht wahrhaben wollen, dass immer mehr Menschen die Fähigkeit, längere Texte zu lesen (und auch noch zu verstehen!!!), nicht mehr erlangen. Ja … stimmt … habe ich zähneknirschend zugegeben. Ich träume ja nicht den Traum von einer „deutschen Jugend“, die „hart wie Krupp-Stahl“ ist – das überlasse ich gerne dem Kollegen Höcke. Ich träume von einer weltoffenen, kritischen Jugend, gleich, welcher Nationalität, gleich, welcher Religion. Hauptsache, sie ist des Lesens, also des Selbst-Lesens, mächtig. Und des Nachdenkens über Gelesenes. Diesen Traum möchte ich tatsächlich nicht aufgeben. Die paar Jährchen bis zum Ruhestand schaffe ich das auch noch, ohne meinen Abiturienten die Prüfungstexte vorlesen zu müssen. Hoffentlich! Aber der Vorlesetag zielt ja ohnehin auf etwas anderes, nämlich darauf, in den kleinen Zuhörern die Lust auf Literatur zu erwecken. Denn dass diejenigen, die im Kindesalter viel vorgelesen bekommen, später selbst gern zum Buch greifen, ist eine pädagogische Binsenweisheit. Ob es dann gleich Goethes „Faust“ sein muss, wurde ja unlängst in Gymnasiallehrer-Kreisen heftig und kontrovers diskutiert, als das NRW-Schulministerium eben dieses Werk aus dem Kanon der Zentralabitur-Literatur strich. „Darf‘s ein bisschen niedrigschwelliger sein?“, scheint sich der Vorsitzende des Hagener Kulturausschusses, Sven Söhnchen, gefragt zu haben. Denn er liest am Vorlesetag aus dem Buch „Warum ich Nazi wurde“, herausgegeben von Wieland Giebel, in der Hagener Volme-Galerie vor. Schön begleitet von Gitarrenmusik, damit der (vor)lese-ungeübte Zuhörer nicht, von der Macht der Worte erschlagen, aus den Latschen oder vom Stuhl kippt. Angesichts der höllischen Tat in Halle eine gute Idee! Und wer das unbeschadet übersteht, kann ja anschließend mit Dr. Faust den Pakt mit der Hölle schließen und erkunden, ob uns „die Zeiten der Vergangenheit (unbedingt) ein Buch mit sieben Siegeln“ sein müssen. Und vielleicht erkennt manch einer frühzeitig, was „des Pudels Kern“ ist.
Viel Erfolg dabei wünscht


Ihr Uwe Depping

 

 (Glosse 11/19)