„Neulich, liebe Leserinnen und Leser …“


… war ich mit meinem Sohn im Zoo. Was ich nicht bedacht hatte: Es war der vorletzte Schultag, und da die Zeugnisse bereits geschrieben waren und es ohnehin nichts mehr zu ändern gab, hatten alle Grundschullehrer der Umgebung dieselbe Idee: mit ihrer Klassen an diesem Tag in den Zoo gehen. Das Ergebnis: Tausende von Grundschülern überfluteten das Gelände. Da sich die Lehrer am vorletzten Schultag wohl keinen Stress mehr antun wollten, zogen die süßen Kleinen in Kleingruppen überwiegend ohne pädagogische Betreuung umher. Und das, was ich zu sehen bekam, nahm mir schlagartig jedwede Hoffnung auf ein längerfristiges Fortbestehen der menschlichen Rasse. Ich habe noch nie so viele kleine adipöse Jungs gesehen, die in ihren kleinen fetten Händen Chips-Tüten hielten, mit kleinen fetten Fingern Dosen mit Zuckerwasser, das ihnen als Energy-Drink verkauft wird, umklammernd. Dann schreit plötzlich einer: „Alter, weiß du, wo Klo is?“ Der Angeschriehene steht direkt neben dem Schreienden. Aber kein Grund für den Letzteren, die Lautstärke zu drosseln. „Alter, stopf nicht so viel rein in dich, dann musst du auch nicht ständig auf‘s Klo! ‚Auf‘s Klo‘, verstehst du, Alter? Nicht ‚auf Klo‘! Und hör‘ auf, so zu brüllen!“ bin ich geneigt, ihm zuzuraunen, verkneife es mir aber. Und so ziehen die Kleinen weiter lärmend durch den Zoo. Angesichts dieser Horde haben die Tiere in ihren Gehegen längst das Weite gesucht. Den Schreihälsen fällt das gar nicht auf, da Tiere ohnehin nicht im Fokus ihres Interesses stehen. Das einzig Interessante ist dieses kleine Ding, das sie in ihren freien fetten Händen halten: das Smartphone. Ich frage mich wirklich, was in Eltern vorgeht, die ihre Grundschulkinder schon mit Smartphones ausrüsten. Aber der Zoo ist angefüllt mit Kindern, die, wo sie gehen und stehen, Einzel- und Gruppenfotos machen, Videos aufnehmen, diese dann sofort an alle weiterschicken, was dann mit „wie geil“, „ey du Spast“ oder anderen gehaltvollen Aussagen kommentiert wird. Wenn diese Kinder zuhause gefragt würden, was für Tiere sie gesehen hätten, würden sie ihre Eltern nur verständnislos anblicken. „Tiere? Was für Tiere?“ Wenn sie überhaupt gefragt werden. Ich versuche, mit meinem Sohn dem Geschrei halbwegs aus dem Weg zu gehen, damit wir die Chance haben, ein Tier zu sehen. Bei den Giraffen gelingt uns das. Mein Sohn ist beeindruckt. Sein kleiner Zeigefinger deutet auf eine, und in Ermangelung weiterer Sprachkenntnisse – er ist erst zehn Monate alt – artikuliert er nur „da“. Und ich hoffe zutiefst, dass er mir damit sagen möchte „Schau mal, Papa, ist die groß“ und nicht „Alter, da … Foto machen!“
Ein Fünkchen Hoffnung bezüglich der nachwachsenden Generation keimt noch!
Bei Ihnen auch?

Ihr Uwe Depping

 (Glosse 8/17)