„Wir leben in einer Zeit,

liebe Leserinnen und Leser …“

„… in der immer mehr Dinge erfunden werden, die es uns Menschen leichter machen sollen, die Mühen des Alltags zu meistern. Es gibt bereits Klos, die sich selbst reinigen. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem es Teppiche gibt, die sich selbst saugen, Fenster, die sich selbst putzen oder Müll, der sich selbst rausträgt. Als Lehrer warte ich auf den Tag, an dem es Schüler gibt, die sich selbst unterrichten und Klausuren, die sich selbst korrigieren. Dadurch könnte ich Zeit einsparen, Zeit, die ich dazu nutzen könnte, mal endlich Fenster zu putzen oder den Müll rauszubringen. Es gäbe also eine Menge Dinge, die erfunden werden müssten. Aber was macht die Industrie? Sie erfindet Autos, die selbst fahren! Schwachsinn! Wenn ich eines gern tue, ist es, Auto zu fahren. Warum soll ich das meiner Karre selbst überlassen? Gerade jetzt in den Sommermonaten gibt es nichts Schöneres, als am Steuer zu sitzen, das Fenster offen, den Arm lässig herausgehängt, coole Sonnenbrille, coole Musik in cooler Lautstärke, und bei jeder roten Ampel der hübschen Fahrerin neben mir ein vielversprechendes Lächeln zu schenken. Darauf möchte ich nicht verzichten. Aber unser Verkehrsminister meint es ernst mit den selbstfahrenden Autos. Er hat eine Ethik-Kommission einberufen, die klären soll, inwieweit selbstfahrende Autos auch moralisch handeln können müssen. Wie muss das Auto programmiert werden, wenn eine Stress-Situation auftaucht, wenn wir Autofahrer z. B. plötzlich gezwungen wären, zu entscheiden, ob wir in eine Gruppe Rentner oder in eine Gruppe Kinder rasen müssten? Oder in eine Gruppe von drei oder von dreißig Menschen? Wie soll das Auto entscheiden, welches Leben oder wie viele Leben geopfert werden müssten? Die Ethik-Kommission hat darauf keine eindeutigen Antworten … nur eben die, dass grundsätzlich nichts gegen selbstfahrende Autos einzuwenden sei. Ich glaube, die Erfinder sollten sich lieber an weniger dramatischen Dingen ausprobieren. Ich träume immer noch, gerade jetzt in der Grill-Saison, vom Bier, dass sich selbst in den Kühlschrank stellt. Auch da gäbe es genügend moralische Herausforderungen für die Erfinder, etwa die Frage, was das Bier herausschmeißen sollte, wenn der Kühlschrank zu voll wäre. Das Joghurt-Getränk meiner Frau zuerst? Die würde ganz schön zetern! Also doch lieber die Baby-Breis meines Sohnes? Der kann sich ja noch nicht wehren. Wie also müsste das Bier programmiert werden, damit es die richtige Entscheidung trifft? Das wäre mein Traum: Ich fahre bei herrlichstenTemperaturen im Auto spazieren, selbst am Steuer natürlich, flirte an jeder Ampel mit den schönsten Blondinen und wenn ich nach Hause komme, steht das Bier kalt!
Ihnen auch schöne Sommer-Träume

Ihr Uwe Depping

 (Glosse 7/17)