„Stellen Sie sich vor“,

liebe Leserinnen und Leser …

„… ich habe den Osterhasen gesehen! Ja, ganz im Ernst! Nein, ich stand nicht unter Drogen, hatte keine Wahrnehmungsstörungen. Er stand gut gelaunt und grinsend auf den Flügeln einer fetten Henne und jonglierte mit Ostereiern. Sie glauben mir immer noch nicht? Gut so! Bei der Masse an Informationen, die täglich auf uns einstürzen, schafft unser Hirn es nicht, jede einzelne auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Forscher haben herausgefunden, dass sogenannte fake news, also falsche Nachrichten, gerade dann überzeugend wirken, wenn sie uns ins persönliche Weltbild passen. All meine Leser im Alter von ca. vier Jahren, die dem diesjährigen Osterfest schon entgegenfiebern, hätten diese Botschaft also geglaubt. Da die vierjährigen HAKEN-Leser allerdings in der Minderheit sein dürften, haben Sie, die Mehrheit meiner Leser, intuitiv und korrekter Weise entschieden, meiner Botschaft keinen Glauben zu schenken. Ein Osterhase, der mit Eiern jongliert, passt einfach nicht in Ihr Weltbild. So wie Sie auch nicht Frank Walter Steinmeier sein müssen, um zu erkennen, dass an den Behauptungen, unsere Bundeskanzlerin würde mit Nazi-Methoden arbeiten oder in der EU stünden bald Gaskammern …, dass an diesen Behauptungen etwas getürkt sein muss. Den Sympathisanten wahrer Diktaturen steht eine solche Opferrolle – sie würden unter Nazi-Methoden leiden – natürlich vortrefflich, da wir dazu neigen, im Opfer nicht mehr den Täter zu sehen. Und während der brave Christ sich darauf freut, am 16.4. die Auferstehung seines Herrn zu feiern, wartet ganz nervös jemand anderes darauf, an diesem Tag zum alleinigen Herrn über sein Volk gewählt zu werden. Um dabei erfolgreich zu sein, instrumentalisiert er jedes nur erdenkliche Feindbild. Wir müssen eben sehr aufmerksam sein im postfaktischen Zeitalter. Dabei ist das Phänomen der fake news gar keine Erfindung unserer Zeit. Gerade am ersten Tag dieses Monats können sie auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurückblicken. Allerdings hat man sie dann stets nach kurzer Zeit mit dem Ruf „April, April“ als Falsch-Meldung zu erkennen gegeben. Diese Tradition der scherzhaften fake news lässt sich übrigens auch in der Türkei nachweisen. Auch dort gibt es am 1.4. den saka günü, den Tag des Scherzes. Dass der Präsident aber die Behauptung, Angela Merkel arbeite mit Nazi-Methoden, die Gülen-Bewegung sei an allem Schuld oder alle Armenier seien eines natürlichen Todes gestorben mit einem „size bir nisan sakasi yaptim“ (wörtl.: ‚ich habe euch einen Aprilscherz gemacht‘) zurücknehmen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Ob wir also an die Auferstehung Jesu Christi, an Fascho-Angie oder den Osterhasen glauben … es hängt immer auch von unserem Weltbild ab.
Ich gehe dann mal Ostereier suchen!

Ihr Uwe Depping

 (Glosse 4/17)